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Ingrid Noll
Wanderzirkus

Ingrid Noll

Wenn Sie oft mit der Bahn unterwegs sind, werden Sie gelegentlich eines unserer Mitglieder treffen, denn der Wanderzirkus einheimischer Schriftsteller ist unentwegt auf Achse.

Wir geben uns selten zu erkennen; wie andere Reisende lesen wir Zeitungen und Romane, kritzeln in schwarze Büchlein, korrigieren Fahnen oder stellen uns schlafend. Ich sitze gern mit dem Kaffeebecher in der Hand am Fenster und lasse freundlich Bild um Bild herein. Ganz nebenbei pflege ich Mitreisende zu belauschen, denn dank meines Alters werde ich nicht wahrgenommen. Allmählich komme ich allerdings zu dem Schluß, daß sich die Aussagen per Handy auffällig gleichen, selbst wenn sie in schwäbischem Französisch oder sächsischem Englisch formuliert werden.

Trotz unserer traditonellen Arroganz gegen technischen Fortschritt schreiben wir am Laptop, denn kaum einer kann sich einen Eckermann leisten oder wie Arno Schmidt eine Alice an Land ziehen. Wie alle anderen Bahnfahrer schimpfen auch wir über Verspätungen, sitzen aber trotzdem lieber im ICE als in der Postkutsche. Und ohne Handy könnten wir die nette Buchhändlerin nicht erreichen, wenn wir erst eine geschlagene Stunde später eintreffen werden.

So war es auch neulich. Der Zug hielt in Kassel-Wilhelmshöhe und fuhr einfach nicht weiter. Inzwischen hat man sich bei der Bahn dazu durchgerungen, die Reisenden über die Ursache einer Verzögerung nicht im Unklaren zu lassen. Leider kam noch keiner auf die glorreiche Idee, bei unserem Wanderzirkus anzufragen, wie man den rüden Begriff „Personenschaden“ etwas menschlicher umschreiben könnte. Doch in Kassel ging es ausnahmsweise nicht darum.

„Bitte haben Sie einen Moment Geduld, wir werden gleich weiterfahren! Es handelt sich nur um ein kleines technisches Problem.“

Keiner hörte hin, alles hackte weiter auf die Tasten, döste oder schälte Apfelsinen.

„Es liegt an der Oberleitung“, setzte der unsichtbare Sprecher zum zweiten Mal an, da er die Aufklärung der Passagiere offenbar ernst nahm. Wieder vergingen zehn Minuten, langsam begann man zu murren. Doch die nächste Ansage wartete mit tröstlichen Details auf: „Ein toter Vogel hängt in der Oberleitung. Sobald er entfernt ist, können wir weiterfahren.“

Die Passagiere nahmen es mit Erleichterung auf. Tatsächlich setzte sich der Zug kurz darauf wieder in Bewegung. Aber der redliche Ansager war immer noch nicht fertig.

„Es war ein Mäusebussard,“ bemerkte er stolz.

Kein Beifall, keine Reaktion, nur ich verkniff mir das Lachen. Der Zugbegleiter als VHS-Lehrer! Jede Fahrt eine Bildungsreise! Ich stellte mir vor, wie man diese Szene beliebig ausweiten könnte: „Der Mäusebussard, lateinischer Name Buteo buteo, ist der häufigste Greifvogel Mitteleuropas. Er horstet gewöhnlich im Wald und ernährt sich, wie der Name schon sagt, von allerlei Kleinsäugern und ...“

Nun hoffe ich sehr, daß ein cleverer Fernseh-Redakteur diese Zeilen liest, meine Idee aufgreift und mir einen Haufen Kohle für einen Sketch mit Didi Hallervorden anbietet.

©  Ingrid Noll

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