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Sibylle Nicolai
Stadtrundfahrt im Jahre 2014

Sibylle Nicolai

„Meine Damen und Herren, nach Dom, Römerberg, Paulskirche und Goethehaus kommen wir nun zum Highlight unserer Sightseeing-Tour: Frankfurts einzigartigem Freilichtmuseum Bankenpark.“

Die Stimme von Stadtführerin Sandra vibriert vor Begeisterung, während der Bus von der Weißfrauenstraße in die Neue Mainzer einbiegt. Die Stadt Frankfurt hatte im Jahr 2009 umgehend die Segnungen der Altwagen-Verschrottungsprämie genutzt und jüngst noch eine hochmoderne Busflotte erworben, die Dank ihrer großflächigen Panorama-Glasdächer einen herrlichen Blick bis hinauf zu den glitzernden Spitzen der ehemaligen Bankentürme eröffnet.

„Wie keine andere Stadt der westlichen Welt“, fährt Sandra fort, „hat es die einstige Bankenmetropole Frankfurt geschafft, dem Kollaps des Finanzsystems eine einmalige touristische Qualität abzugewinnen. Während man andernorts noch über die Nutzung verwaister Bankenwolkenkratzer grübelt und in Frankfurt beispielsweise kurzfristig darüber diskutiert wurde, den Commerzbank-Tower in ein Minarett zu verwandeln, hat die hessische Denkmalschutzbehörde in ungewöhnlicher Geschwindigkeit entschieden: Die Türme der Mainmetropole sind historische Zeitzeugen und somit ein Kulturerbe, vergleichbar etwa den Pyramiden von Gizeh. Nur daß hier durch rasches Handeln jegliche Grabräuberei verhindert werden konnte. Wir halten jetzt kurz, und Sie haben Gelegenheit, das architektonisch beeindruckende Entrée der einstigen Landesbank sowie den Maintower zu besichtigen. Der nette Herr, der ihre Eintrittskarten entwertet, ist übrigens der gewesene Chef des privaten Vermögensmanagements. Wenn Sie bitte aussteigen wollen.“

„Was ist denn eigentlich aus all den Anderen geworden“, fragt ein graumelierter Teilnehmer der Mecklenburger Reisegruppe, indem er aus dem Bus krabbelt, „die in all den Banken gearbeitet haben?“

„Nun“, erwidert Sandra. „etliche von ihnen sind beim Sicherheitsdienst untergekommen. Im ursprünglich geplanten neuen Sitz der Europäischen Zentralbank im Ostend. Das ist heute unser Frankfurter Fort Knox. Dort lagern Halden von Edelmetallen, Diamanten, Kunstwerken, Antiquitäten, Pelzen etc. Viele Anleger sind ja mit dem, was ihnen noch verblieben ist, so exzessiv in Sachwerte gegangen, daß sie dafür daheim gar nicht genügend Stauraum hatten. Und das Wachpersonal rekrutiert sich aus ehemaligen Anlageberatern, Investment-Bankern und Börsenmaklern.“

„A propos“, mischt sich eine burschikose Dunkelhaarige ein. „Was ist denn mit der Börse? Gibt’s die noch?“

„Aber ja. Das ist jetzt eine florierende Tauschbörse, in der sich täglich Heerscharen von Sammlern alter Kreditkarten tummeln. Wir können gern auch dort vorbeischauen. Zuvor allerdings steht noch die ehemalige Dresdner Bank auf unserem Besichtigungsprogramm. Sie ist jetzt in chinesischem Besitz und Europas größte Spielbank. Wir nennen sie auch unser ‚Little Vegas’. Die Croupiers dort sind ebenfalls Ex-Banker. Und dann habe ich noch ein besonderes Bonbon für Sie: die einstmalige Deutsche Bank. Dort dürfen Sie ins Allerheiligste des legendären Josef Ackermann.“

„Was mich noch interessieren würde... “ Ein korpulenter Mittfünziger nähert sich Sandra. „War nicht gleich hinterm Bankenviertel das... Sie wissen schon …“

„Das Rotlichtviertel? Tja, das ist untergegangen. Die Stoßzeit dort war in den letzten Jahren vor dem Crash die Mittagspause der Banker. Aber die gibt’s ja nicht mehr. Dank Investoren aus den arabischen Emiraten ist dort inzwischen ein neuer Nobelwohnbezirk entstanden.“

„Aber wer kann sich denn noch leisten, da zu wohnen?“

„O, zahlreiche russische Oligarchen haben die Schönheiten Frankfurts für sich entdeckt, und die zahlen alles bar. Sprich: Der Rubel rollt. Außerdem erhalten wir schließlich alle aus dem Konjunkturprogramm der Bundesregierung für jeden Euro, den wir verkonsumieren, zwei Euro Bonus. Was Sie übrigens am Ende unserer Stadtrundfahrt bei ihrem Trinkgeld berücksichtigen dürfen - kleiner Scherz … Wenn Sie mir jetzt bitte folgen würden!“

© Sibylle Nicolai

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